Burnout erkennen

Das letzte Jahr war für Paul wirklich belastend. Die Pandemie, die Sorge um seinen Job, das ständige Arbeiten im HomeOffice, die wechselnden Regularien der Regierung, die sich so oft geändert haben wie die Aufgaben in seinem Job – ihm kam es vor, als würden die Sorgen immer mehr und nie weniger werden.

Früher hatte Paul viele Routinen: Er ging dreimal die Woche ins Büro, um von dort zu arbeiten. An diesen Tagen holte er nach der Arbeit seinen Sohn von der KiTa ab. Einmal die Woche ging er schwimmen und ein bis zweimal die Woche Tennis spielen mit Freunden und danach noch auf ein oder zwei Bier. All diese Routinen fielen in den letzten zwei Jahren weg. Paul fühlt sich überlastet, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, in der Familie gibt es immer wieder Streit, da fast täglich die Abläufe neu geregelt werden müssen, etc.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Burnout-Syndrom?

Das Burnout-Syndrom entsteht nicht von heute auf morgen. Es ist ein stetiger Prozess, der sich über Wochen und Monate erstreckt. Sprechen wir von einem Syndrom, ist damit eine Vielzahl körperlicher und seelischer Belastungen gemeint, die zu einem Krankheitsbild führen (DBVB, 2014).

Menschen mit Burnout-Syndrom fühlen sich ausgelaugt, ausgebrannt und zutiefst erschöpft von den Belastungen des Alltags. Der Verlust der Leistungsfähigkeit in Verbindung mit emotionaler Erschöpfung sind hier die auffälligsten Burnout-Symptome (DBVB, 2014).

Wichtig ist zu wissen, dass jede Art von Belastung zu einem Burnout führen kann. Daher kann das Burnout-Syndrom Menschen jeden Alters und Berufs treffen: Die Managerin, die 60h die Woche arbeitet, den Vater, der zwischen Job und Kindererziehung keine Ruhe findet, die Assistentin, die von ihren KollegInnen nicht akzeptiert wird, …

 

Ursachen

Burnout entsteht als Kombination verschiedener Risikofaktoren. Die wichtigsten sind:

  • Hohe Arbeitsbelastung sowie geringe Möglichkeiten den Arbeitsprozess zu beeinflussen.
  • Hohe Leistungsbereitschaft in Verbindung mit geringer Anerkennung.
  • Fehlende soziale Unterstützung durch die Führungskraft, KollegInnen sowie im persönlichen Umfeld.
  • Private Belastungen.

 

Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass nicht die Arbeitsdauer der ausschlaggebende Faktor ist. Vielmehr spielen soziale Faktoren am Arbeitsplatz eine Hauptrolle beim Entstehen von Burnout, wie beispielsweise das Arbeitsklima und die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden und der Führungskraft.

 

Was ist Burnout nicht?

Burnout ist eine Erkrankung der Psyche und damit keine persönliche Schwäche, sondern die Folge mehrerer belastender Faktoren, die aufeinandertreffen. Zudem ist Burnout keine Erschöpfung, die sich durch einen Kurzurlaub bereinigen lässt.

 

 

Anzeichen von Burnout – Das Burnout-Zyklus-Modell

Das 12-Phasen-Modell von Freudenberger und North wird häufig für die Diagnostik von Burnout verwendet. Das Modell eignet sich gut, da das Fortschreiten der Krankheit mit seinen unterschiedlichen Erscheinungsbildern verdeutlicht wird. Zudem kann das Modell, aufgrund der Anschaulichkeit, sehr gut für die persönliche Standortbestimmung verwendet werden.

 

Phase 1: Der Zwang sich zu beweisen

In dieser Phase arbeitet der/die Mitarbeitende mit Ehrgeiz und Perfektion. Der Gedanke, nicht mehr 100% geben zu können, löst Angst aus.

 

Phase 2: Verstärkter Einsatz

Diese Phase ist geprägt von dem Gefühl alles selbst und dringlich erledigen zu müssen. Der/die Betroffene steht unter ständigem Zeitdruck. Aufgaben zu delegieren, fällt schwer.

 

Phase 3: Beginnende Vernachlässigung der Bedürfnisse

Das hohe Arbeitspensum wird als „normal“ bezeichnet. Das Verlangen des Körpers nach Ruhe, Schlaf und Regeneration wird zunehmend ignoriert. Häufig steigt der Konsum von Nikotin, Alkohol oder Kaffee. Der Lebensstil wird insgesamt ungesünder und es treten erste Fehlleistungen oder körperliche Beschwerden auf.

 

Phase 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

Konflikte mit Partner/Partnerin oder ArbeitskollegInnen werden nicht wahrgenommen, ebenso wie der Schlafmangel und die ersten körperlichen Krankheitssymptome. Zudem treten vermehrt Fehlleistungen auf (z.B. vergessene Termine, Unpünktlichkeit, etc.)

 

Phase 5: Umdeutung von Werten

Alte Werte verlieren an Bedeutung. Freundschaften, Familie und Hobbies treten hinter der Arbeit zurück und werden als Belastung wahrgenommen. Die persönliche Wahrnehmung wird auf ein Minimum reduziert. Wichtiges von Unwichtigem kann nicht mehr unterschieden werden.

 

Phase 6: Verleugnung von auftretenden Problemen

Betroffene reagieren in dieser Phase mit zunehmender Härte, Verbitterung und Zynismus auf ihre Umwelt. Sie beginnen sich abzukapseln. Ungeduld, Intoleranz und Aggressivität prägen den Umgangston. Leistungseinbrüche sowie körperliche Beschwerden machen sich deutlich.

 

Phase 7: Rückzug

Das soziale Umfeld wird als Bedrohung angesehen. Kritik kann nicht mehr angenommen werden. Die Betroffenen empfinden Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit. Um diese zu reduzieren, stürzen sie sich oftmals in Ersatzbefriedigungen. Die Überarbeitung und Überlastung werden verleugnet.

 

Phase 8: Deutliche Verhaltensänderungen

Die Betroffenen werden zunehmend apathisch (erlernte Hilflosigkeit) und unflexibel im Denken. Häufig zeigen sich auch „paranoide Tendenzen“. Jeder Satz und jede Aussage werden als Angriff auf die eigene Persönlichkeit gewertet. Der Rückzug verstärkt sich. Betroffene vermeiden, sich anderen anzuvertrauen oder in engen Kontakt zu gehen.

 

Phase 9: Entfremdung

In dieser Phase treten verstärkt Gefühle der inneren Leere auf. Die Betroffen haben zudem das Gefühl nicht mehr sie selbst zu sein. Das Leben erscheint sinnlos und unentrinnbar. Die Betroffenen funktionieren wie ferngesteuert.

 

Phase 10: Innere Leere

Das Gefühl der inneren Leere und des inneren Abgestorbenseins nimmt zu. Mutlos und erschöpft bewältigt der/die Betroffene Arbeit und Alltag. Phobien und Panikattacken sind möglich.

 

Phase 11: Depression

Die Betroffenen fühlen sich leer, mutlos, nutzlos, verzweifelt und niedergeschlagen. Der Wunsch dauerhaft zu schlafen oder nie mehr aufzuwachen ist stark ausgeprägt und wird möglicherweise von Selbstmordgedanken begleitet.

 

Phase 12: Völlige Burnout-Erschöpfung

Das Immunsystem ist geschwächt und die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magen-Darm-Leiden steigt. Die geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung ist lebensbedrohlich, zudem steigt die Suizidgefahr. Es handelt sich um eine absolut akute Notsituation, professionelle Hilfe wird dringend benötigt.

Diese Phasen müssen notwendigerweise nicht in direkter Abfolge auftreten, auch wenn sich dies häufig beobachten lässt. Bei der Beschreibung der einzelnen Phasen werden Symptome beschrieben, die nicht alle gleichzeitig auftreten müssen – sie sind als Kernsymptome zu verstehen. Welche Veränderungen hilfreich sind, kommt auf die jeweilige Phase und die Individualität der Person an. Genau da setzt der Beratungsansatz im Rahmen eines Coachings an. Oftmals dauert der Weg zurück (wenn die Phase 12 erreicht wurde) genau so lange, wie es gebraucht hat, in den Burnout zu kommen. Daher ist Prävention der beste Weg.

 

Burnout-Prävention

Eine umfassende Burnout-Prävention muss auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Hier lassen sich grob zwei Strategien der Prävention unterscheiden: Institutionsbezogene Strategien und Personenbezogene Strategien (Zumbühl, 2005).

Konkret heißt das: Für eine optimale Burnout-Prävention müssen sowohl ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen Vorkehrungen treffen, die sich positiv auf die Belastung, das soziale Miteinander und die Partizipation jedes Einzelnen auswirken.

 

Personenbezogene Strategien

  • Nehmen Sie sich Zeit für Freizeitaktivitäten.
  • Planen Sie Ihre freie Zeit nach der Arbeit so, dass Sie sich gut fühlen und entspannen können.
  • Achten Sie in der Arbeit auf eine realistische Zeitplanung. Bauen Sie Zeitdruck ab.
  • Reflektieren Sie Ihre Ansprüche an sich und Ihre Arbeitsleistung.
  • Bringen Sie Ihre Stärken in den Arbeitsalltag ein. Im besten Fall sollte die Arbeit Ihnen leicht von der Hand gehen, da diese optimal an Ihre Stärken angepasst ist.
  • Hören Sie auf Ihren Körper. Treten Kopf-, Rücken-, oder Bauchschmerzen auf, überlegen Sie direkt, wie Sie diese reduzieren können. Gelingt Ihnen dies nicht, sprechen Sie mit einer Ihnen vertrauten Person.
  • Finden Sie Wege, um zu entspannen (z.B. Spaziergang in der Mittagspause, Yoga, autogenes Training, etc.)
  • Machen Sie ausreichend Pausen.

 

Institutionsbezogene Strategien

  • Schaffen Sie Arbeitsvielfalt.
  • Erhöhen Sie die Mitbestimmung der Mitarbeitenden.
  • Achten Sie auf ausreichende personelle Besetzung.
  • Schaffen Sie Freiräume für kreatives Arbeiten.
  • Geben Sie den Mitarbeitenden die Möglichkeit Arbeitsaufträge individuell umzusetzen.
  • Planen Sie Zeit für Teambuilding und soziales Miteinander in den Arbeitsalltag ein.
  • Schaffen Sie eine offene Kommunikationskultur, in der alle Probleme und Schwierigkeiten direkt angesprochen werden können.
  • Richten Sie flexible Arbeitszeiten ein, die sich optimal in den Alltag der Mitarbeitenden integrieren lassen.
  • Bieten Sie Aus- und Weiterbildungen an.
  • Reflektieren Sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden Lernmöglichkeiten und Aufstiegschancen.

 

Literaturverzeichnis

DBVB – Deutscher Bundesverband für Burnout-Prophylaxe und Prävention e.V. (2014): Burnout rechtzeitig erkennen – auf diese Warnsignale sollte man achten. Online verfügbar unter: https://www.dbvb.org/burnout-rechtzeitig-erkennen-%E2%80%93-auf-diese-warnsignale-sollte-man-achten

Ponocny-Seliger, E. (2014): 12-Phasen-Burnout-Screening. In: ASU. Zeitschrift für medizinische Prävention (Ausgabe 12-2014). Online verfügbar unter: https://www.asu-arbeitsmedizin.com/originalia/12-phasen-burnout-screening

Zumbühl, D. (2005): Wie erkenne ich das Burnout-Syndrom und wie kann ich Stress vorbeugen? Online verfügbar unter: https://www.sprechzimmer.ch/Fokus/Stress/Aktuell/Wie_erkenne_ich_das_Burnout-Syndrom_und_wie_kann_ich_Stress_vorbeugen.html

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