Wie entsteht Resilienz?
Häufig wird angenommen, dass Resilienz eine angeborene Fähigkeit ist, die wir haben oder eben nicht. Diese Annahme ist jedoch falsch. Resilienz ist eine Fähigkeit, die durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben wird und daher erlernbar ist.
Jedoch kann es zu Verwirrung führen, wenn wir von der Resilienz sprechen. Resilienz ist nicht eine einzelne Fähigkeit, die wir lernen können, wie beispielsweise Französisch-Vokabeln. Resiliente Personen und Kinder verfügen über eine ganze Sammlung an Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben.
Für Kinder ist es daher besonders hilfreich, vielfältige Erfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen zu machen, um stabile und individuell passende Resilienz-Strategien zu entwickeln. Die Herausforderungen und Schwierigkeiten, mit denen Personen konfrontiert werden, sind so individuell, wie die Personen selbst und erfordern spezifische Bewältigungsstrategien.
Wie unterstütze ich mein Kind resilient zu werden?
Langzeitstudien konnten belegen, dass Kinder gut Voraussetzungen für Resilienz mitbrachten, wenn eine enge emotionale Bindung zu mindestens einer Bezugsperson in der Familie Sicherheit und Zuverlässigkeit vermittelte. Es half den Kindern, wenn sie gelernt hatten, ihre Probleme selbst anzupacken und aktiv nach Lösungen zu suchen. Des Weiteren entwickelten sich Kinder positiv, wenn ihr Umfeld Unterstützung und Zuversicht vermittelte.
Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle im Detail auf die drei Grundsteine der Resilienz eingehen. Bindung, Exploration und eine positive Einstellung gegenüber dem Kind bilden eine starke Basis für die psychische und physische Gesundheit jedes Kindes. Gleichzeitig sind die drei Faktoren veränderbar und bieten damit eine gute Möglichkeit das eigene Kind zu unterstützen.
Bindung
Beziehungen zu anderen Personen sind der Dreh- und Angelpunkt im Leben von allen Menschen. John Bowlby
Die Basis dieser zwischenmenschlichen Beziehungen wird in der frühen Kindheit gelegt. Das Kind lernt durch sichere Bindungsbeziehungen zu den Eltern oder zu nahen Bezugspersonen, Vertrauen in die Welt zu haben. Daher ist der Aufbau einer sicheren Bindung eine Hauptentwicklungsaufgabe in der frühen Kindheit. Diese sichere Bindung kann entstehen, wenn die Bezugsperson dem Kind feinfühlig begegnet.
Feinfühligkeit im Umgang mit dem Kind:
- Signale des Kindes verstehen und angemessen reagieren
- Sprachlich mit dem Kind interagieren
- Blickkontakt aufnehmen
- Berührung und Nähe zulassen
Diese Feinfühligkeit ist als Basis und Grundhaltung dem Kind gegenüber zu verstehen. Die in dem Satz zusammengefasst werden kann: „Ich höre dich, ich sehe dich, du bist mir wichtig und ich möchte dich gerne verstehen.“
Feinfühlig zu reagieren, heißt nicht, dass wir die Signale unseres Kindes immer richtig deuten oder immer freundlich und zugewandt reagieren müssen. Der Alltag mit kleinen Kindern ist durchaus kraftraubend und anstrengend. Es geht vielmehr darum, dem Kind und sich selbst mit Akzeptanz, Wertschätzung und Liebe zu begegnen. Jeder hat mal einen schlechten Tag oder reagiert über. Begegnen wir unserem Kind aber mit einer wertschätzenden Haltung, wird es uns leichter fallen, unseren Fehler einzugestehen und die ungute Situation aufzulösen.
Exploration
Neben der Bindung ist die Entdeckung der Welt und das Erfahren der eigenen Autonomie eine weitere wichtige Entwicklungsaufgabe in der frühen Kindheit. Exploration und Bindung scheinen im ersten Moment Gegensätze zu sein. Die Konzepte sind jedoch nicht gegensätzlich, sondern eng miteinander verknüpft und bedingen sich gegenseitig.
Kleinkinder sind meistens nicht in der Lage ihre Emotionen selbstständig zu regulieren und benötigen dabei Hilfe von außen. Gleichzeitig ist die Entdeckung der Welt für Kinder äußerst spannend. Sie haben eine angeborene Neugier und wollen erkunden und erforschen. Diese Exploration ist jedoch nur möglich, wenn Kinder sich sicher und geborgen fühlen. Das heißt, eine sichere Bindung ist die Bedingung für Exploration. Die Eltern fungieren hier im besten Fall als sicherer Hafen: Sie lassen das Kind im Rahmen seiner Fähigkeiten entdecken und ausprobieren, bieten aber Trost und Unterstützung, wenn das Kind plötzlich Angst bekommt oder frustriert ist, da es an einer Aufgabe immer und immer wieder scheitert.
Und genau in dieser Balance zwischen Bindung und Exploration entsteht Resilienz. Wenn Kinder altersgemäße Probleme selbstständig analysieren und nach Lösungen suchen, bauen sie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten auf und erwerben gleichzeitig Strategien zur Lebensbewältigung.
Positive Grundhaltung
Wie bereits im Kapitel Bindung aufgezeigt, spielt die Einstellung auch bei dem Aufbau einer sicheren Bindung eine große Rolle. Doch auch wenn die Kinder älter werden, kann eine positive Einstellung nützlich sein:
Im Schul- und Jugendalter verschieben sich die Hauptentwicklungsaufgaben von der Familie in Richtung Schule und Freundschaftsbeziehungen. Die Eltern und andere Bezugspersonen haben häufig das Gefühl die enge Beziehung zu ihren Kindern zu verlieren und immer weniger Einfluss auf die Kinder zu haben. Hier kann eine positive Grundhaltung helfen. Erinnern Sie sich immer wieder daran, dass ihre Kinder immer noch Kinder sind. Seien Sie als AnsprechpartnerIn da, sprechen Sie Ihren Kindern Mut zu, wenn sie dies brauchen und vermitteln Sie, dass Sie Vertrauen in die Fähigkeiten Ihrer Kinder haben.
Dies wird Ihren Kindern Hilfe bei der Bewältigung der alltäglichen Probleme sein. Und wenn wirklich etwas schiefläuft, werden Ihre Kinder bei Ihnen Rat einholen und Sie können die größeren Herausforderungen gemeinsam als Familie lösen.